Der Rosenmontagshund


Ein Jahr mit Rosalie

 

Rosalie – ein seltsamer Name für einen Jagdhund, aber sie wurde Rosenmontag geboren und da hätte ich

vielleicht schon vorgewarnt sein sollen. Irgendwie war von all den von mir gewünschten jagdlichen Eigenschaften zuviel in diesen Hund geraten.

 

Einziger Schimmel in einem ansonsten einfarbigen Cocker-Wurf stand eigentlich schon von der ersten Minute an fest, dass ich diese Hündin behalten würde. Sehr bald machte sie mir klar, dass hier eine Aufgabe für mich heranwuchs und frühzeitig wie nie zuvor begann ich mit einem energischen Gehorsamstraining. Zum Geburtstag in diesem Jahr wünschte ich mir ein Elektroreizgerät, denn es galt, diesen Hund vor sich selber zu schützen. Mit dem dreifachen Arbeitsaufwand wie für einen „gewöhnlichen“ Cocker Spaniel gelang es mir doch, mit ihr die GP sogar als Prüfungssieger zu bestehen. Inzwischen ist sie im zehnten Lebensjahr und ich sehe manches gelassener, aber hin und wieder schafft sie es noch immer meinen Adrenalinspiegel abrupt in die Höhe zu treiben.

Rosalie 1 Jahr alt

 

Vor einem Jahr waren wir in der Toskana – natürlich mit den Hunden. Beim Morgenspaziergang über eine große heckengesäumte Schafweide hinauf zum Wasserreservoir der Gegend genoss ich den weiten Blick auf die toskanische Landschaft. Die Hunde genossen ihre Freiheit und stöberten Fasanen. Da höre ich hinter mir Hundelaut. Zurückblickend sehe ich zwei Blauschimmel auf einer Spur jagen. Irgendwie ist das seltsam, denn die zweite Schimmelhündin war doch gerade noch vor mir in den Hecken. Ein genauerer Blick zeigt mir, dass der vordere der beiden einen seltsamen Galopp hat – gar nicht wie ein Cocker – und außerdem etwas hinter sich herschleppt. Schon verschwindet die wilde Jagd in einem größeren Dornengestrüpp am Rande eines tief eingeschnittenen Bachbettes. Ich kann noch nicht glauben, was ich gesehen habe und gehe zurück – beeilen muss ich mich bei Rosalie nicht, das habe ich in all den Jahren gelernt. Beim Gestrüpp angekommen, kann ich weder etwas sehen, noch etwas hören. Die beiden anderen Hündinnen zur Suche aufgefordert, gucken peinlich berührt um sich und denken gar nicht daran, das Gestrüpp anzunehmen. Ich umrunde das Ganze, krame in meinem biologischen Wissensschatz und überlege ob Stachelschweine erstens in Europa (außer im Zoo) und zweitens in Erdhöhlen wohnen. Nach zehn Minuten nervöser Warterei entschließe ich mich wegzugehen. Meistens hilft das, denn Rosalie merkt, dass ich in der Gegend bin, auch wenn ich leise bin und fühlt sich durch meine Anwesenheit gestärkt. Nach 500 Metern kommt sie hinter mir her. Die Zunge blutet. Zu Hause bemerke ich dann eine Hornhautverletzung, 2-3 abgebrochene Stacheln in der Haut und Flöhe, viele Flöhe!

 

Unsere Ferienhausvermieter bestätigen mir, dass es in der Gegend Stachelschweine (Istrice) gibt, die unter Naturschutz stehen. Einige Tage geht Rosalie noch etwas lahm vorn, aber als wir nach Haus zurückkehren, ist sie schon wieder sehr fit.

 

Aus Erfahrung weiß ich, dass die Wochen nach dem lockeren Urlaub immer mit Gehorsamsproblemen verbunden sind. Vielleicht versucht sie ja die geliebten Fasanen bei uns im Schwarzwald zu finden – ein hoffnungsloses Unterfangen. Schon nach wenigen Tagen schleicht sich Rosalie beim Stöbern nach Enten unbemerkt unter einer Brücke davon, wählt aber für den Rückweg die Straße über die Brücke. Die Bremsen quietschen, eine zitternde Autofahrerin sucht am Straßenrand nach einem überfahrenen Hund. Rosalie ist nichts passiert, aber es fehlten wohl nur Millimeter. Am darauf folgenden Wochenende gibt es eine große Familienwanderung mit Einkehr. Eigentlich soll Rosalie ja heute an der Leine bleiben, aber auf den letzten zwei Kilometern vor dem geparkten Auto erbarme ich mich – und weg ist sie. Da stehe ich dann genervt zwei Stunden auf dem Parkplatz, mache mich schließlich auf den Heimweg und erhalte auf der Autobahn einen Anruf übers Handy, dass Rosalie im Gasthaus, in dem wir eingekehrt waren, unter unserem Tisch sitzt. Dort finde ich sie dann bestens umsorgt von den nachfolgenden Gästen. Nur einen Tag später mache ich bei strömendem Regen eine kurze Morgenrunde mit den Hunden bevor ich zur Arbeit gehe. Am Auto angekommen fehlt Rosalie schon wieder. Ich warte noch eine halbe Stunde, aber dann hilft nichts, ich muss zur Arbeit. Dreimal an diesem Tag kontrolliere ich die ausgelegte Automatte – nichts. Am Abend dann ein Anruf beim Tierschutz. Rosalie ist von einer Familie im nahe gelegenen Dorf aufgenommen worden, nachdem sie Stunden vor dem Haus im Regen gesessen hatte. Nur die eigene Hündin der Familie war davon überhaupt nicht begeistert,  daher war man sehr erleichtert und brachte mir Rosalie gleich ins Haus.

 

Im Oktober beginnt die Drückjagdsaison. Da sind wir ein eingespieltes Team und da gibt es kein Problem. Pünktlich am Ende des Treibens ist Rosalie da oder sie wartet beim Auto. Was auffällt, sie ist ein solcher Solo-Jäger, dass sie an keinem Stück Wild jagt, an dem bereits fremde Hunde jagen.

Kurz vor Weihnachten dann der seit langem befürchtete Auto-Crash. Rosalie ist der Chef  meiner kleinen Meute und sie regiert diese Meute nicht nur eisern, sondern verteidigt sie auch. Nach den letzten Weihnachtseinkäufen stehe ich draußen vor der Garage im Dunkeln und will noch schnell die Hunde füttern. Blättermagen gibts heute und das ist kein Futter für drin. Ein kurzes Warngebell eines Meutenmitglieds und schon ist Rosalie unterwegs nicht nur zur unteren Straße sondern gleich noch weiter zur Kreuzung. Ich höre das Auto kommen und es fährt schneller als die erlaubten 30. Rosalie schießt um die Ecke, ich höre den Knall und den Schrei. Das Auto fährt weiter! Jetzt kannst du sie von der Straße sammeln, denke ich, aber da kommt sie um die Ecke gehumpelt und steht mit krummen Rücken vor der Garage. Sofort zum Tierarzt! Der kann nichts feststellen außer einem Schock. Die Nase blutet noch eine Weile und 14 Tage geht sie vorn lahm.

 

Ende Februar gehen wir übers Feld, Rosalie kontrolliert einen Durchlass, aus dem sie während der Ranzzeit schon zwei Füchse herausgedrückt hat und schlieft ein - ihre Enkeltochter Wanda gleich hinterher.

Ich wende die bewährte Methode an und gehe weiter, als im Rohr ein Höllenspektakel beginnt. Nachdem ich einen halben Kilometer weiter bin, kommt mir Wanda nach. Na, wenigstens kann Rosalie jetzt nicht mehr ersticken in dem engen Rohr, denke ich. Mit den angeleinten Hunden gehe ich zurück zum Auto, vorbei an dem Durchlass, in dem ich Rosalie immer noch toben höre. Vierzig Minuten sind vorbei. Ich fahre mit dem Auto zurück, knalle die Tür zu, sage aber nichts. Da will Rosalie doch sehen was los ist. Als sich ihr Hintern aus dem engen Rohr schiebt packe ich zu. Ihr Unterkiefer ist total zerlöchert – dieses Mal wars ein Dachs!

 

14 Tage lang eitern die Bisswunden und Rosalie hat Schlafprobleme, Sie versucht mit erhobenem Kopf zu schlafen, wenn er dann aber im Schlaf nach unten sinkt, fährt sie vor Schmerz wieder in die Höhe, sobald er den Boden berührt. Aber die Wunden sind noch nicht ganz verheilt als ich sie aus einem Fuchsbau holen muss. Hier höre ich keinen Ton von ihr, aber als ich den Kopf auf den Boden lege, höre ich sie scharren, denn der Cocker ist nicht unbedingt für Bauarbeit gebaut.

 

Rosalie wird älter und eines Tages im Mai probiert ihre Enkeltochter Wanda, ein sehr kräftiges Muskelpaket, den Chefposten zu übernehmen. Die Beißerei ist zwar kurz  und auf den ersten Blick nicht weiter schlimm. Es fließt kein Blut und nach einigen Stunden Trennung lässt sich der Familienfrieden etwas mühsam wieder herstellen, aber zwei Tage später blinzelt Rosalie mit einem Auge. Nichts aufregendes bei einem passionierten Stöberhund – Augensalbe ist vorrätig. Es wird aber immer schlimmer. Also wird ein Besuch bei der Tierärztin unvermeidlich. Die stellt fest, dass das Auge bei der Beißerei einen Schlag bekommen hat, dabei ist die Linse geplatzt und Linsenflüssigkeit hat eine schlimme Entzündung im Auge hervorgerufen, das Auge muss raus – ein Schock für alle Beteiligten. Aber keine Woche nach der Operation jagt Rosalie schon wieder.

 

Ende Juni gehen wir mittags zur Erfrischung an den Neckar. Es gibt bei uns zwei kleinere Staustufen, die bei Niedrigwasser eigentlich keine Gefahr für die Hunde sind. Zwischen den beiden Staustufen ist eine Ente mit ihren halbwüchsigen Kücken. Eifrig verleitet sie die Hunde neckarabwärts. Ich sehe gerade noch wie Wanda über die Staustufe rutscht und beschleunige meinen Schritt. Als ich bei der Staustufe angekommen bin, ist Wanda längst nicht mehr da, aber mitten in den Strudeln treibt ein Bündel schwarzes Fell. Nichts wie rein ins Wasser. Vor Schreck ziehe ich nicht einmal die Stiefel aus.

Das Wasser geht mir bis zum Bauch, aber in den Strudeln stolpere ich und nehme ein Vollbad. Irgendwie kriege ich Rosalie zu fassen. Sie hat schon eine ganz blaue Zunge und geht den Rest des Spaziergangs mit der Nase in meinen Kniekehlen was sonst nicht ihre Art ist. Warum kam sie nicht aus den Strudeln? Fehlte ihr die Kraft oder war sie desorientiert wegen des fehlenden Auges? Ich weiß es nicht.

 

Gerade eben genießen wir die schönste Zeit des Jahres in Dänemark - einer garantiert stachelschweinfreien Zone und ich habe Zeit das vergangene Jahr Revue passieren zu lassen. Nur ein Jahr – und so viel Nerven!

 

Rosalie 12 Jahre alt - gestorben Juni 2008


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last update 02.11.2018

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